Stress macht unflexibel

Wenn wir einmal gestresst sind, ist es oft schwierig das Verhalten gegenüber Stress zu verändern. Wir fühlen uns dann unter Druck und haben keine Energie neue Strategien auszuprobieren. Unser System schaltet auf Notfallmodus und fokussiert die gesamte Energie auf die Bewältigung des Stresses. Die Flexibilität unseres Handlungsspielraums ist in solchen Momenten extrem eingeschränkt und wir können nur auf unser bereits bekanntes Repertoire an Reaktionen zurückgreifen. Neues auszuprobieren fällt uns dann besonders schwer. Aus diesem Grund ist es meist zu spät sich mit Strategien zum Umgang mit Stress zu befassen, wenn wir bereits mittendrin sind. Viel sinnvoller ist es, sich schon vorher mit dem eigenen Stressverhalten auseinander zu setzen.

Das eigene Stressverhalten rechtzeitig erkennen

Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens ganz eigene Strategien entwickelt, um mit Druck und stressvollen Situationen umzugehen. Ganz unbemerkt wurden einige von uns zum Spielball von Stress und sind ihm sozusagen ausgeliefert, während es anderen gelungen ist, eine positive Einstellung gegenüber Stress zu entwickeln und diesen bewusst zu managen.

Bei der oft unbewussten Wahl wie wir mit Stress umgehen spielt unser Selbstverständnis eine bedeutende Rolle. Es definiert wie wir uns wahrnehmen, und wie wir unter Druck reagieren. Sehen wir uns etwa eher in einer Rolle mit wenig Einfluss auf unser Tun, fällt es uns schwer, die Oberhand im Umgang mit Stress zu gewinnen. Sehen wir uns hingegen als Steuermann unseres Lebens, navigieren wir auch unter Druck mit einer gewissen Zuversicht durch den Sturm.

Das Kontrollempfinden durch Achtsamkeit steigern

Achtsamkeit schaltet unseren Autopiloten ab und gibt uns die Kontrolle über das Jetzt zurück. Wenn wir ständig nur äusseren Anreizen folgen, verlieren wir schnell den Kontakt zu uns selbst. Es fühlt sich an, als hätten wir die Kontrolle über unser Tun verloren, und als würden wir einfach nur funktionieren. Man fühlt sich gelebt aber hat nicht das Gefühl richtig zu leben. Sobald wir wieder achtsam sind, switchen wir sozusagen unseren Fokus von aussen nach innen. Meine Klienten beschreiben es oft als „ein wieder bei sich ankommen“ oder „sich ruhig und zu Hause fühlen“.

Achtsamkeit ist auch eine Lebenshaltung, da man praktisch alles achtsam oder eben unachtsam ausführen kann. So können wir achtsam essen oder wieder einmal über unseren Appetit essen. Wir können achtsam unsere Arbeit ausführen oder uns gleichzeitig mit zehn verschiedenen Dingen beschäftigen. Wir können uns bei einem Spaziergang auf die wundervolle Natur achten oder einfach nur durchhaspeln, damit wir ein wenig Bewegung haben. „Energy follows focus“, dies ist ein Universalgesetz und sowie Energie eine begrenzte Ressource ist, ist es auch Achtsamkeit. Wenn wir unseren Geist also ständig auf mehrere Dinge gleichzeitig lenken, nie in uns hineinfühlen, gönnen wir unserem Gehirn wenig bis keine Ruhepausen. Dies kann irgendwann zu Erschöpfung oder chronischem Stress führen. Das soll jetzt nicht heissen, dass wir nur noch achtsam durchs Leben gehen sollen, aber wenn es um Achtsamkeit geht, dann gilt sicherlich „mehr ist besser“.

Das Gedankenkarussell stoppen

Oftmals kreisen unsere Gedanken um Probleme ohne zu einer wirklichen Lösung zu kommen. Wir machen uns Sorgen, springen von einem Thema zum nächsten, und plötzlich stellen wir fest, dass wir uns komplett in unseren Gedanken verloren haben. Solches Gedankenkreisen prägt unser Selbstbild und das Wahrnehmen unserer Umgebung auf negative Weise.

Sobald wir achtsam sind, können wir diesen Gedankenstrom unterbrechen und die Aufmerksamkeit wieder auf den Augenblick lenken. Je mehr uns dies gelingt, desto besser können wir unsere Gedanken beobachten. Wir erkennen dann viel eher, wann sich wieder ein negativer Gedankensog anbahnt und können diesen rechtzeitig unterbinden. In diesem Moment kann man sich fragen, ob man diesen Gedanken nun wirklich denken muss, und ob er überhaupt wahr ist. Wir können also eine bewusste Wahl treffen, ob wir unseren Fokus auf negative oder positive Gedanken richten. Dazu benötigen wir jedoch die Achtsamkeit, da uns sonst unsere Gedankenströme gar nicht auffallen und wenig kontrollieren lassen. Genauso verhält es sich auch mit Stress: wir können uns für einen positiven Umgang als Dirigent entscheiden oder für einen negativen als Spielball. Natürlich gelingt dies nicht immer aber man wird feststellen, dass es einem immer wie besser und einfacher gelingt je mehr man übt.

Dein Selbstbild ist nicht starr

Gewisse Personen neigen dazu, mit der Zeit ein starres Selbstbild zu bekommen. Sie nehmen ihren Charakter für gegeben und sehen keine Möglichkeit oder Anreiz diesen zu verändern. Umso mehr möchten sie sich ihr starres Selbstbild durch Zusagen von aussen immer wieder erneut bestätigen lassen. Solche Personen können dann sehr gereizt auf Meinungen, die an ihrer konstruierten Wirklichkeit rütteln, reagieren. Einige scheuen sich auch vor Veränderung und bleiben lieber im gewohnten, sicheren Rhythmus. Dies kann zu einem Tunnelblick führen und uns von unseren Mitmenschen isolieren. Wir brauchen den Austausch mit anderen, um uns zu entwickeln. Sonst bleiben wir irgendwann auf kognitiver Ebene stehen und werden überholt. Unser Geist benötigt beides um im Gleichgewicht zu sein: das Alte und das Neue, die Sicherheit und das Abenteuer. Genauso verhält es sich im Hinblick auf den Umgang mit Stress. Nur weil man einmal zum Spielball von Stress geworden ist, heisst das noch lange nicht, dass man dies auch künftig bleiben wird. Man muss diese Veränderung aber wollen und zulassen. Achtsam und flexibel zu sein benötigt also auch die Bereitschaft sich zu verändern und Mut neue Wege zu gehen.