Wenn man sich vollständig mit seinen Gedanken identifiziert, kann dies sehr anstrengend sein. Warum glauben wir eigentlich alles, was uns unser Verstand seit Jahren erzählt? „Ich muss es allen recht machen“, „ich darf keinen Fehler machen“, „ich sollte nicht so chaotisch sein“ oder „Liebe bekomme ich nicht umsonst, ich muss etwas dafür tun“. Dies sind nur ein paar Beispiele von möglichen Glaubenssätzen, die sich manche Menschen im Laufe des Lebens zugetan haben. Die Liste mit solch angesammelten Geschichten ist bei vielen endlos und bestimmt die Lebensqualität in hohem Masse. Hast du dich jemals schon gefragt, ob das alles überhaupt stimmt, was dir dein Verstand erzählt? Von wo willst du wissen, dass du es beispielsweise wirklich immer allen recht machen musst?

Die Menschen haben eine natürliche Tendenz ihre durch den Verstand generierten Gedanken als wahr zu interpretieren. Tatsache ist, dass die meisten dieser belastenden Gedanken Geschichten sind. Sie sind keine Fakten, sondern Ausdruck unserer Urteilungskraft. Das Erkennen, dass solche Gedanken nur von unserem Geist erfundene Geschichten sind, hat etwas sehr Befreiendes, und man wird feststellen, dass man plötzlich gar nicht mehr so viele Probleme hat.

Woher kommen unsere Gedanken?

Woher kommen diese Gedanken, die uns so viele Sorgen und Schmerz bereiten? Die meisten Menschen sind überzeugt, dass sie diese Gedanken selbst in ihrem Kopf produziert haben, und es somit ihre eigenen, wahren Gedanken sind. Aus diesen Gedanken entstehen schliesslich unsere Wirklichkeit und unsere Meinung über andere. Daraus wiederum nehmen wir uns als ich wahr. Tatsache ist jedoch, dass diese Gedanken in unserem Geist durch unterschiedliche Einflüsse und Empfindungen von aussen und innen zustande kommen. So erklärt beispielsweise Professor Rhonda Magee von der University of San Francisco, dass wir aus Meinungen der Medien unsere Gedanken bilden und diese als unsere eigenen übernehmen. Gerade weil wir so anfällig dafür sind, Gedanken schnell als unsere eigenen wahrzunehmen, unterrichtet Magee Achtsamkeitstraining. Achtsamkeit ist eine Möglichkeit, sich davor zu schützen, von aussen auf uns treffende Informationen voreilig zu eigenen Gedanken zu deklarieren. Wenn wir achtsam sind, erkennen wir, dass nicht all unsere Gedanken Fakten sind.

Um Jemand zu werden, musst man zuerst Niemand werden

Wenn man festzustellen beginnt, dass man nicht seine Gedanken ist, sondern frei von ihnen ist, kann man die Welt plötzlich als das wahrnehmen was sie auch ist. All die Zwänge und Sorgen, die man sich selbst auferlegt hat, erscheinen nun in einem anderen Licht. Die Welt ist,was sie ist, und das ist gut so. Sie verändern zu wollen ist absurd. Das Einzige was man ändern kann sind seine Gedanken über die Welt. Es gibt einen schönen Koan vom Zen Meister CH’ing Yuan Wie-hsin der Tang Dynastie der folgendermassen lautet: „Zuerst ist da ein Berg, dann ist da kein Berg, dann ist da wieder ein Berg“.

Zuerst ist da ein Berg steht für unser normales Bewusstsein. Wir sind überzeugt, dass das was wir denken und wahrnehmen wahr ist. Man fühlt sich als etwas vom Rest Getrenntes und sieht alles als ausserhalb von einem. Dies wird auch als duale Wahrnehmung bezeichnet, da wir uns in diesem Zustand als etwas von der Welt Separiertes betrachten. Bei vielen führt dies zur Motivation, das Aussen verändern zu müssen, um glücklich zu sein: „wenn ich das bekommen kann, dann kann ich glücklich sein» oder „wenn er dies für mich tut, kann ich endlich glücklich sein». Die Welt zu verändern ist unmöglich und birgt ein hohes Frustpotential. Wenn wir uns diese Gedanken im Coaching anschauen, geht es nie darum, diese zu verändern, sondern diese zu überprüfen und unsere Beziehung zu ihnen zu klären. Ziel des Coachings ist es, die tatsächliche Wahrheit von dem zu trennen, was wir durch unsere subjektive Interpretation hinzugefügt haben.

Dann ist da kein Berg steht für die Auflösung unserer Identifikation mit unseren Gedanken oder anders ausgedrückt mit unserem wahrgenommenen ich. Es führt einem zur Erkenntnis, dass man eigentlich gar keine Probleme hat und diese nur durch ungeprüfte Gedanken kreiert und am Leben erhält. Sobald man aufhört diese zu glauben, wird man frei und fängt an freundlichere Gedanken über die Welt zu projizieren. Man stellt fest, dass die Wahrnehmung der Welt nichts anderes als die Projektion unserer Gedanken ist. Solange wir etwas nicht zu einem Problem deklarieren und versuchen uns dagegen zu wehren, haben wir auch keines.

Wenn man beginnt seine belastenden Gedanken Schritt für Schritt aufzulösen, kann dies für einige Menschen auch etwas Beängstigendes haben. Es ist ein Weg in die Leere, da nichts mehr da ist, dem man die Schuld geben oder sich stundenlang darüber den Kopf zerbrechen könnte. Alles ist einfach, wie es ist. Wenn man sich sein gesamtes Leben mit seinen Gedanken identifiziert hat, kann dies zuerst einmal ungewohnt und angsteinflössend sein. Wem gebe ich dann jetzt die Schuld? Was kann ich ausserhalb von mir noch verändern? Im Coaching sagen wir oft dazu: „In order to become somebody you need to become nobody“ oder „from anybody, to nobody, to somebody“. Wer diesen Weg jedoch geht erkennt, dass genau diese Gefühle uns helfen, uns vom Ich zu lösen und frei zu werden. Man beginnt die Vergänglichkeit der Dinge zu sehen und lernt sich Schritt für Schritt von seinen Gedanken zu lösen, indem man diese hartnäckig hinterfragt. Ist das wirklich wahr, was ich seit Jahren über meinen Partner denke? Oder kann ich mit absoluter Sicherheit wissen, dass ich weniger wert bin als andere?

Im Coaching beginnt man festzustellen, dass der Kern des Leidens immer unsere Gedanken ist. Wenn wir anders über die Wirklichkeit denken, als sie tatsächlich ist, führt dies zu Leid. Sobald man den Widerstand gegen dieses Leiden aufgibt, fängt man an Raum für Neues zu schaffen und kann seine Handlungsoptionen erweitern. Man beginnt Freundschaft mit der Leere zu schliessen und benötigt kein idealisiertes Selbstbild mehr, um sich als Ich oder Jemanden zu fühlen. Vielmehr fängt man an, sein eigenes Leben amüsiert als Beobachter wahrzunehmen und nicht mehr alles so ernst zu nehmen. Es wird auch als Erwachen, in der Zen Literatur als Kensho, bezeichnet. Dies hat wenig mit Ekstase oder einer besonderen spirituellen Erfahrung zu tun, sondern vielmehr damit, im Hier und Jetzt verankert zu sein.

Dann ist da wieder ein Berg bedeutet das neu Gelernte in den Alltag zu integrieren. Die Erkenntnis alleine bringt einem noch nicht weiter. Nur wenn es einem gelingt, die gewonnene Achtsamkeit und die neue Haltung in den Alltag einfliessen zu lassen, kann man nachhaltig davon profitieren. Der Weg geht sozusagen von Samsara zu Moksha und wieder zurück zu Samsara aber mit einer veränderten Haltung. Samsara steht für den Kreislauf von Entstehen und Vergehen oder in den indischen Traditionen für die Wiedergeburten. Moksha hingegen ist der Weg des Loslassens oder des Erlösens. In den buddhistischen Religionen wird es auch als Nirvana bezeichnet.

Mit 4 einfachen Fragen die Gedanken überprüfen

Im Coaching kann man lernen seine Gedanken zu prüfen. Es geht nicht darum seine Gedanken loszulassen, sondern darum, diese liebevoll anzuschauen und einer Überprüfung zu unterziehen. Das Loslassen von Gedanken ist eine überholte Methode und funktioniert genauso wenig wie positive Affirmationen, wenn du diese nicht wirklich glaubst. Wenn das Loslassen von negativen Gedanken so einfach wäre, warum tun wir es dann nicht einfach alle? Im Coaching konzentrieren wir uns vielmehr auf das Prüfen dieser belastenden Gedanken, und am Ende sind es die Gedanken, die uns loslassen werden. Damit etwas losgelassen werden kann, müssen wir unseren Körper miteinbeziehen, denn da sind unsere Gedanken und Emotionen gespeichert. Bessel van der Kolk, einer der weltweit führenden Traumatologen drückt dies folgendermassen aus: „No matter how much insight and understanding we develop, the rational brain is basically impotent to talk the emotional brain out of its own reality…Change begins when we learn to „own“ our emotional brain“. Wir müssen unserem Körper erlauben diesem Gedanken Raum zu geben und zu überprüfen, ob dieser Gedanken für uns noch wahr ist. Dabei handelt es sich nicht um eine rein intellektuelle Überprüfung, die Prüfung unserer Gedanken ist vielmehr eine Meditation.

Während das Achtsamkeitstraining als „mindful based stress reduction“ (mbsr) beschrieben wird, nennen wir die Überprüfung unserer Gedanken auch „inquiry based stress reduction“ (ibsr). Inquiry bedeutet Nachforschen oder Untersuchung und hilft uns der Wahrheit näher zu kommen – frei von erfundenen Geschichten. Die Basis für die Überprüfung unserer Gedanken bilden diese 4 einfachen Fragen von Byron Katie:

Wenn dir das nächste Mal ein belastender Gedanke kommt, kannst du ihn mit diesen 4 Fragen überprüfen, um herauszufinden wie wahr dieser Gedanke wirklich noch für dich ist. Wenn du tiefer gehen möchtest und noch mehr über deine Gedanken erfahren möchtest, dann melde dich für ein kostenloses Erstgespräch bei mir https://chantalflach-coaching.ch/kontakt/